Vererbt, verehrt, verloren

Zum ersten Mal übernimmt ISIS die Kontrolle über Palmyra

Zum ersten Mal übernimmt ISIS die Kontrolle über Palmyra

Gastbeitrag von Romy Ebert-Adeikis

Nach der Zerstörung der antiken Stätten Nimrud und Hatra im Irak hat die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) nun die syrische Weltkulturerbe-Stadt Palmyra eingenommen und die Welt zeigt sich tief betroffen. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon äußerte: „Wer das Erbe der Vergangenheit zerstört, beraubt künftige Generationen eines starken Vermächtnisses.“ Irina Bokova, die Unesco-Generalsekretärin, spricht nicht nur von einer „kulturellen Tragödie“, sondern auch von einem „Kriegsverbrechen am unersetzbaren Schatz der Menschheit“.

Zweifelsohne haben beide recht. Doch sollten sich alle vor Augen halten, dass es meist eben nicht Krieg und Terror sind, die historisches Erbe erlöschen lassen, auch wenn der IS die Zerstörung der antiken Stätten und Kunstobjekte besonders medienwirksam vorführt.

Tatsächlich zeigt die Unesco in einem Bericht zum Erhalt des Welterbes selbst, dass nur 14 Prozent der Kulturstätten von mutwilliger Vernichtung bedroht sind. Zum Vergleich: Knapp 70 Prozent sind gefährdet durch schlecht geplante, mangelhaft umgesetzte oder unterfinanzierte Aktivitäten zu deren Erhalt, Natur-katastrophen und Urbanisierung sind für viele Stätten bedenklicher als Kämpfe. Und selbst Touristen stehen noch vor Terroristen: Knapp ein Viertel aller Weltkulturorte sind durch Menschenmassen und die mit diesen verbundene Abnutzung gefährdet. Die Akropolis in Athen ist ein Paradebeispiel dafür.

Aber der Erhalt unseres Welterbes geht über das Physische hinaus: Genauso wichtig ist, die Bedeutung der Bauwerke lebendig zu halten. Wer vergisst, welche Geschichten die Stätten erzählen, dem bleiben oft nicht mehr als Ruinen, die wertvollen Baugrund blockieren und die Landschaft verschandeln. Und wer Kunstobjekte als Statussymbole verkauft und hinter Tresortüren sperrt, macht Welterbe zum Privaterbe.

Die Unesco hat keine Soldaten, die Kulturstätten in Kriegsgebieten schützen kann – umso wichtiger ist Erhalt im Frieden, sowohl der Substanz als auch der Bedeutung. Dass die Unesco syrische Bauwerke erst 2013 als gefährdet eingestuft und jetzt ein Social-Media-Projekt zur Sensibilisierung für den Wert von Kulturerbe gestartet hat, kommt daher viel zu spät.

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