Chance der Vielfalt

Arthur de Gobineau, der Begründer der Rassismustheorie vom 19. Jh., behauptete, die Mischung von Nationen oder Völkern beeinträchtige die Qualität der „höheren“ Rassen. Sozialdarwinismus hat solche Manipulationen vom biologistischen aufs soziokulturelle Niveau versetzt und so den „Kampf der Kulturen“ bekanntgegeben. Noch mehrere Jahrzehnte vor Samuel Huntingtons These über clash of civilizations.

Es ist erstaunlich, aber viele Menschen vom 21. Jh. pflegen dieselben Thesen trotz aller Erkenntnisse, dass die Auswirkungen des Isolationismus immer nur verheerend waren. Die Naturwissenschaftler haben schon längst die Förderung der biologischen Diversität als eine positive Entwicklung bestätigt. Die Kulturwissenschaftler haben durch geschichtliche Beispiele nachgewiesen, dass die größten Errungenschaften der Zivilisationen nämlich von dem Kulturaustausch entstanden. Jede Kultur hat niemals nur einen einzigen Ursprung. Und trotzdem gibt es genügend Stimmen, die für „bereinigte“, „eingeweihte“, „statische“ Kulturen plädieren. Die sonst notwendige Konkurrenz wird zugespitzt und als Kampf bezeichnet, von Kooperation und Dialog redet man überhaupt nicht. Der Kulturpessimismus prosperiert, man genießt den Pessimismus. Denn er gilt als die beste Ausrede für Erhaltung von zerstörerischen Alleinherrschaftsansprüchen.

Doch der demokratisch ausgebildete Mensch entlarvt solche Ausreden im Nu. Erstens ist er fähig, die Realität einzusehen. Zweitens ist er fähig, die Belege der Realität aufzuweisen. Sogar der eingefleischte Gegner des Pluralismus übt nie ein lineares monistisches Denken aus, vielmehr ist jedes Denken ein Netzwerk, das weder Anfang noch Ende besitzt. Sowohl die kognitive Forschung als auch die Theorie der Dekonstruktion haben den Mythos der transzendentalen Wahrheit enttarnt. Die Behauptenden, die Kulturmischung sei vermeidbar, sollten sich lieber die Zunge abbeißen.

Viel schwieriger geht man mit denjenigen um, die die unvermeidbare Kulturmischung als Bedrohung bezeichnen. Das sind meistens die Menschen, die den Austausch mit der Zersplitterung gleichsetzen und als Gegengewicht dafür das Monopol ihrer eigener Kultur anbieten. Doch wir, Europäer, benötigen keines von beiden Extrema. Wir wollen nicht, dass die einzelnen Gesellschaftsmitglieder so isoliert sind, dass keine adäquate Kommunikation möglich wird. Doch eine (z. B. nationale) Hegemonie halten wir auch keineswegs für eine richtige Lösung. Ein Monopol schließt das Problem der Abtrünnigen auch nicht hundertprozentig aus, sondern es schafft meistens nur die Illusion der Einheit. So eine Illusion brauchen die Europäer nicht.

Falls die Vielfalt aber nicht als Bedrohung, sondern als Chance angesehen wird, werden wir den lähmenden Pessimismus los, der jede Handlungslust ausschaltet. Als Chance legitiemiert Vielfalt jede Handlungsrichtung. Um die Handlungsfreiheit nicht zu missbrauchen, benötigen wir eine ethisch-politische Verantwortung, die das Auseinanderklaffen von Recht, Politik und Moral beendet. Falls man dies als das oberste Ziel setzt, wird jeder Versuch zur ungerechten Behandlung blockiert. Jede Idee der Privilegierung verliert den Sinn. Das einst Geteilte wird wieder durchlässig, die auf den ersten Blick genuinen Grenzen werden aufgelöst und in Frage gestellt. Der Schwerpunkt wird auf Jetzt und Heute gesetzt, die symbolischen geschichtlichen Streitigkeiten überlassen der praktischen Problemlösung den Handlungsraum. Die Streitsüchtigen sind gezwungen, ihre hemmenden Prinzipien aufzugeben und die Vorschläge zur aktuellen Situation geben.

Niemand behauptet, dass alle Probleme dadurch gelöst werden. Doch ich bin überzeugt, dass die Legitimation der Vielfalt die Konsenssuche wesentlich vereinfacht. Über den Chaos und die Unordnung reden meistens diejenigen, die mit dem Zusammenleben kaum umgehen können. Pech für diese Menschen, doch das Zusammenleben ist und bleibt das konstituierende Element der heutigen Gesellschaft. Damit werden sie auskommen müssen, auch wenn der irreale Wunsch über Alleinherrschaft so stark wäre.

Wie Philosoph Jacques Derrida schrieb, erscheint jede kulturelle Identität immer als die unersetzbare Einschreibung des Universellen in das Singuläre. Wenn wir auf unser vielfältiges Dasein als auf das einzigartige Zeugnis des menschlichen Wesens reflektieren, dann erweisen sich alle Ängste um unsere Identität als unbegründet. Verschwinden alle Ängste, haben wir dann keine Ausreden, sich von der Entwicklung der diversen Gesellschaft fern zu halten.

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